Die ewige Geisha - Wenn Dienen zum Lebensinhalt wird Die ewige Geisha  
 

1: Der ultimative Job

Nervös zupfte sie an ihrem Rocksaum herum. War der Rock zu kurz? Zu lang? Hätte sie statt des blauen Kostüms lieber etwas Schwarz-Weißes wählen sollen? Waren die Absätze zu hoch? Zu niedrig? Hätte sie trotz der Hitze eine Strumpfhose anziehen sollen? Wären geschlossene Schuhe nicht besser gewesen als Open-Toe-Pumps? War es nicht ein No-Go, zu einem Vorstellungsgespräch nackte Zehen zu zeigen? Hätte Sie sich dann nicht wenigstens die Nägel lackieren sollen? Welcher dezente Lack hätte denn zu dem Kostüm gepasst?

Stundenlang hätte sie am Morgen diese Überlegungen weiterführen und vor dem Kleiderschrank diverse Varianten (obwohl sie kaum etwas zum Anziehen hatte – erst recht nicht für solche Anlässe) ausprobieren und verwerfen können, aber dann hätte sie es womöglich nicht rechtzeitig zum Termin geschafft und nur eine Naturkatastrophe wäre – bei äußerstem Wohlwollen – eine Rechtfertigung für das verspätete Erscheinen zum Vorstellungsgespräch gewesen.

Also hatte Midori per Webphone den Rat ihrer besten Freundin Jen eingeholt. Jennifer hasste zwar allzu großen Aufwand ums Styling, aber immerhin hatte sie es geschafft, einen Job bei Hanson & Hanson zu ergattern und das waren die gefragtesten plastischen Chirurgen in ganz Kalifornien. Also musste Jen – Dr. Jennifer Cohen – zumindest halbwegs Bescheid wissen, wie ein gutbezahlter Job zu ergattern war. Jen wusste in vielen Dingen Bescheid. Für Midori war sie daher fast wie eine große Schwester, obwohl beide Frauen dem gleichen Jahrgang angehörten. Weil lediglich zwei Wochen Abstand zwischen ihren Geburtsdaten lagen, feierten sie ihre Geburtstage gemeinsam. Das hatte sich auch nicht geändert, als Jen eine „ernstere“ Beziehung mit Zach einging. Midori mochte den etwas schusseligen Partner ihrer Freundin und nach der letzten Party – zum 24sten – hatten sie sich zu dritt einen fetten Kater geteilt.

„Miss Masters, möchten Sie einen Kaffee? Mr. Uzamis Besprechung hat sich ein wenig verzögert. Bitte entschuldigen Sie die Wartezeit!“

„Kein Problem und danke, nein. Kaffee wäre jetzt nicht so gut.“

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„Kaffee wäre jetzt nicht so gut.“

So nett konnte keine Vorzimmerdame der Welt sein, um Midoris Nervosität an diesem Vormittag zu vertreiben. Der Schriftverkehr, die Telefonate, der lange Flug, die Kosten – all das hatte Midori auf sich genommen und nun stand sie kurz davor, ihren, wie sie glaubte, Traumjob zu ergattern. Was waren schon ein paar Minuten mehr oder weniger? Was konnte da schon eine Tasse Kaffee helfen?

Zum Glück dauerte es nur noch eine knappe halbe Stunde, bis Mr. Uzami in das Vorzimmer kam und Midori auf traditionelle Weise begrüßte. „Ich weiß, dass Sie nur ihre ersten Lebensjahre im Land der aufgehenden Sonne verbracht haben“, meinte er nach der Verbeugung auf Japanisch. „Möchten Sie lieber die Sprache Ihres Vaters benutzen? Es macht mir nichts aus.“

„Ich richte mich ganz nach Ihren Wünschen, Uzami-San.“

„Dozo. Dann wechseln wir zu Englisch. Bitte begleiten Sie mich in mein bescheidenes Büro!“

Midori ergriff ihre Notebook-Tasche und folgte dem Personalchef der nach ihrer Vorstellung schönsten Privatklinik der Welt in dessen nicht ganz so bescheidenes Büro. Midori hatte gewissenhaft ihre nicht mehr allzu aktuellen Kenntnisse über japanische Sitten und Gebräuche aufgefrischt und konnte beim Understatement Höflichkeit von Koketterie unterscheiden. Mr. Uzami war durchaus ein wenig kokett.

„Nun, Dr. Masters, Nippon Recreations freut sich, dass Sie sich entschlossen haben, unserem Team beitreten zu wollen. Hatten Sie eine gute Anreise? Entspricht Ihr Hotel Ihren Bedürfnissen?“

„Vielen Dank, Uzami-San. Der Flug war angenehm und das Hotel ist sogar für amerikanische Maßstäbe sehr luxuriös.“ Midori wusste, dass der Austausch von Höflichkeiten noch eine Weile dauern würde. Das Ausmaß des Horrors, den der Flug aufgrund ihrer Höhenangst bedeutet hatte, verschwieg sie geflissentlich – wie immer. Abgesehen von Jen kannte kein Mensch Midoris Phobie.

Uzami zeigte das typisch japanische, gerade mal angedeutete, kurze Nicken der Zustimmung. „Das freut mich. In diesem Land gibt es einfach jede Menge Platz.“

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„In diesem Land gibt es einfach jede Menge Platz.“

„In meiner Geburtsstadt Osaka hat die Enge dazu geführt, dass die Menschen sehr rücksichtsvoll miteinander umgehen“, meinte Midori diplomatisch. Möglicherweise war Uzami ein Nationalist. Dann konnte es nicht schaden, einen Mangel verbal in einen Vorteil umzumünzen, damit der Gesprächspartner auf jeden Fall sein Gesicht wahren konnte.

Uzami lächelte gönnerhaft. Er hatte verstanden und war offensichtlich erfreut. Insgeheim gratulierte er sich schon jetzt zu seiner Auswahl. Diese Ärztin würde schnell begreifen, was Gehorsam bedeutet, dachte er. Sie war nur ein Mischling, aber die japanische Mutter hatte ihr offenbar ein grundlegendes Koordinatensystem für Anstand und Höflichkeit vererbt. Das sah nach sehr guten Voraussetzungen aus. „Leider hat eben dieser begrenzte Platz dazu geführt, dass wir unsere Einrichtungen fern der Heimat bauen mussten. Wir haben aber recht gute und vergleichbare klimatische Bedingungen. Sie werden sich auf unserer Insel wie zu Hause fühlen. Zu Hause in Japan, meine ich, falls es Ihnen nichts ausmacht.“

„Ich bin entzückt und voller Vorfreude … falls Sie mich einstellen wollen.“ Das war natürlich viel zu direkt, aber Midori ging nicht davon aus, dass Uzami ein kompletter Hinterwäldler war.

Der zeigte ein unergründliches Lächeln und meinte: „Es ist schön, dass Sie ganz offensichtlich Ihre ursprüngliche Heimat im Herzen tragen. Unsere Insel ist ein Zuhause fern von zu Hause. Man könnte sagen, dass es dort japanischer zugeht als in Japan.“

„Ja, ich habe natürlich alle Informationen, die Sie mir zukommen ließen und die irgendwie zugänglich waren, studiert. Es ist erstaunlich, dass ein solches Projekt bisher kaum Aufsehen erregt hat.“

„Wir bewerben es nicht offensiv. Einerseits wollen wir den exklusiven Charakter erhalten und andererseits sehe ich schon Schlagzeilen wie ‚Disney für Freizeit-Shogune‘. Das würde insbesondere den gesundheitsfördernden Aspekten unserer Arbeit nicht gerecht.“

„Ich verstehe. Der Weise macht kein Aufhebens um seine Weisheit.“

„Konfuzius?“

„Midori Masters. Bitte entschuldigen Sie.“

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„Bitte entschuldigen Sie.“

Uzami lachte und Midori stimmte ein.

Fast bedauerte Uzami, welches Schicksal seine amüsante Gesprächspartnerin erwartete, aber derart viele Fliegen hatte er bisher selten mit einer Klappe schlagen können. Als Ärztin mit einer ausgesprochen passenden Dissertation würde Midori behilflich sein, einen weiteren Meilenstein auf dem genialen Weg des Meisters zu erreichen, als Halb-Japanerin mit einem ganz offensichtlichen Bewusstsein für ihre kulturellen Wurzeln dürfte es gelingen, aus ihr außerdem eine vorzügliche Geisha zu machen und die natürlichen weiblichen Voraussetzungen würden den Einsatz von Permaskin sicher zu einem großen Erfolg werden lassen.

Womöglich würde man ihr ja sogar den Humor erhalten können.

„Ihnen gefällt unser Konzept?“ Uzami kam zur Sache.

„Unbedingt! Was kann schöner und wichtiger sein, als Menschen glücklich zu machen? Ich finde die Idee, die medizinischen Aspekte mit einem derartigen … darf ich sagen … ‚Wellnessbereich‘ zu kombinieren, wirklich außergewöhnlich.“

„Ja, das finden unsere Investoren auch. Manche runzeln immer noch hin und wieder ihre Stirn, aber das ist eine kulturelle Frage. Ich bin der festen Überzeugung, Dr. Masters, dass es in keinem Land und zu keiner Zeit eine bessere Verbindung von seelischem und körperlichem Wohlbefinden gegeben hat, als es das Wirken einer echten Geisha ermöglicht. Auf ganz natürliche Weise wird unseren Patienten in der Klinik ein anhaltendes Gefühl von Glück und Zufriedenheit zuteil. Dann gehen sie in unsere Erlebniswelt, werden in die Blütezeit unserer Kultur versetzt und erhalten die vollständige Genesung ihrer Seele. Wir vermitteln nicht mehr und nicht weniger als das ultimative Wohlbefinden.“

„Kommt es nicht unter Gai-Jin häufig vor, dass sie Geishas mit Huren verwechseln?“

Uzami lächelte. Er freute sich, dass seine neue Errungenschaft wie selbstverständlich die japanische Bezeichnung für ‚Fremdlinge‘ verwendete. „Natürlich. Sie sind unwissend. Sie verstehen nicht, dass das, was sie für den einzig erstrebenswerten Vorgang halten, für uns nur ein Aspekt ist. Ich hoffe, ich schockiere Sie nicht, wenn ich Ihnen sage, dass wir allerdings in dieser Frage gewisse … äh … Zugeständnisse machen. Wir legen den Begriff ‚Daimio‘ einfach etwas weiter aus. Ansonsten legen wir allergrößten Wert auf maximale Authentizität.“

„Oh.“ Midori war tatsächlich ein wenig schockiert.

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„Oh.“

„Würden wir unsere Leistungen nur unseren Landsleuten anbieten, dann könnten wir darauf verzichten, aber das würde womöglich die Finanzierung unserer Forschungen behindern.“

„Ich verstehe. Ich frage mich nur … eine echte, authentische Geisha-Ausbildung ist anstrengend und erfordert Disziplin und Engagement. Ist es nicht sehr schwer, Frauen zu finden, die das erdulden und dann auch noch zusätzlich als … äh … für … äh … zu gewissen körperlichen Diensten nach westlichen Vorstellungen bereit sind.“

Ein kleiner Eingriff und dann ist das spielend leicht, dachte Uzami. „Es erfordert gewisse … Motivationen. Wir müssen jedoch verstehen, dass unterschiedliche Kulturen, Sozialisierung, Lebensumstände und sogar der Zeitgeist ganz individuelle Maßnahmen erforderlich machen. Es gibt einerseits Menschen, die sich am besten bei lauter, eintöniger Musik entspannen können. Andererseits empfinden Gai-Jin den betörenden Klang eines Shamisen anfangs oft als sehr fremdartig und gewöhnungsbedürftig. Unsere Arbeit dient dem Glück unserer Mitmenschen. Wir können ihnen nicht vorschreiben, was sie glücklich macht. Ich kann Ihnen allerdings verraten, dass schon mancher Patient der Anmut unserer Geishas so verfallen ist, dass seine anfänglichen Bedürfnisse durchaus in den Hintergrund traten und einer höheren Stufe der Empfindung wichen.“ Uzami konnte sehen, dass Midori immer noch nicht begeistert wirkte (was sich auf jeden Fall bald ändern würde), aber bemüht war, seine Argumente zu verstehen. Er fand sich recht überzeugend, weil er ja längst nicht nur lügen musste.

Im weiteren Verlauf des Gespräches ging es um Midoris Dissertation und die Möglichkeiten, diese praktisch umzusetzen. Uzami war glücklich, weil er hoffte, damit noch mehr Geld für sein Projekt herausschlagen zu können und Midori war von der Aussicht auf fast unbegrenzte Forschungsmittel begeistert. Als Uzami sogar die (erlogene) Möglichkeit einer baldigen Habilitation andeutete, verschwanden Midoris Zweifel so schnell, wie sie gekommen waren. Man verabredete sich für den nächsten Tag zur Unterzeichnung und verabschiedete sich traditionell. Midori eilte ins Hotel, um ein etwas antiquiertes Ritual mit Jen zu pflegen: Sie schrieben sich regelmäßig Briefe – auf Papier! Handschriftlich!

Etwa zur gleichen Zeit griff Uzami zum Telefon.

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Etwa zur gleichen Zeit griff Uzami zum Telefon.

Der Meister mochte einerseits keine Störungen, wollte aber andererseits stets sofort über wichtige Neuigkeiten informiert werden. Also musste Uzami den erniedrigenden Weg über das Sekretariat wählen. Schließlich wurde er durchgestellt und hörte die vertraute, sonore Stimme: „Lemieux. Was gibt es, Uzami? Haben Sie gute Nachrichten?“

„Sehr gute, Meister. Dr. Masters wird schon morgen die Verträge unterzeichnen.“

„Hm. Das ist gut. Das könnte uns unsere künftige Arbeit sehr erleichtern.“

„Meister, ich bin überzeugt, dass wir mit Dr. Masters‘ Forschungsergebnissen nicht nur für die Dauerversorgung unserer Patientinnen sorgen können – kein Mensch wird dann noch feststellen können, dass es überhaupt jemals einen … äh … ‚äußeren‘ Antrieb gegeben hat. Das Gehirn wird ganz eigenständig so funktionieren, wie es soll. Dauerhaft, endgültig und ohne jede Spur einer Fremdeinwirkung.“

„Das klingt fast zu schön, Uzami. Sind Sie sicher, dass Dr. Masters unserer Kollektion beitreten will? Das wäre ein wirklich erstaunlicher Zufall.“

„So fügt sich zusammen, was zusammengehört. Vielleicht hat Dr. Masters unbewusst einen beruflichen Weg gewählt, der den tiefsten Wünschen ihrer Seele entspricht. Wer kann das schon sagen?“

„Der Weg des Uzami, hm? Naja, hoffen wir, dass wir nicht enttäuscht werden! Enttäuschen Sie mich nicht, Uzami! Halten Sie mich auf dem Laufenden!“

Nach dem Telefonat hatte Uzami für einen kurzen Moment ein Gefühl des Unbehagens. Dann siegte die Vernunft: Der Meister wollte Ergebnisse. Wie diese erreicht wurden, war ihm vollkommen egal.

Uzami musste einen weiteren Anruf machen.

„Ja?“

„Ich bin’s. Das Paket ist eingetroffen. Du kannst es morgen zwischen 10 und 12 Uhr in Empfang nehmen. Wir kümmern uns um das Notebook. Du reinigst das Zimmer.“

„Welche Deckung?“

Uzami schien kurz über die Antwort nachzudenken. Dann meinte er: „Verzweiflung hatten wir zuletzt erst. Unfall, denke ich. Das Geländer oben auf der Aussichtsplattform des neuen Sheik-Wasiri-Tower ist noch nicht fertig, aber die Kameltreiber lassen schon Touristen nach draußen. Sehr fahrlässig!“

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„Sehr fahrlässig!“

„Verstehe. Spuren?“

„Wären sicher sinnvoll. Ein Tuch oder irgendeinen Gegenstand aus der Handtasche könnten wir in der Nähe der Unfallstelle gebrauchen.“

„Okay. Wird erledigt. Emails, Telefonate?“

„Regeln wir von hier aus. Das Notebook ist ja beim Paket dabei. Wir müssen nicht viel machen. Das ist ja immer das Nervige bei den Selbstmördern.“

„Ja, Unfall ist leichter. Du könntest übrigens mal über die Bezahlung nachdenken.“

„Du kannst nicht klagen. Wenn Du für einen Unfall aber weniger haben willst …“

„Arschloch!“ Der Angerufene legte auf.

Uzami arbeitete nicht gern mit Gai-Jin, aber die Einheimischen im Gastgeberland erschienen ihm für derartige Aufgaben ungeeignet. Außerdem funktionierte die Zusammenarbeit mit diesem amerikanischen Ex-Marine wirklich gut. Wenn der doch nur einen Hauch von Anstand und Ehre besäße! Uzami seufzte. Er würde selbst mal ein paar Tage auf der Insel der Glückseligkeit gebrauchen können. Ob es sich wohl lohnen würde, darauf zu warten, bis seine neueste Errungenschaft fertig war? Zunächst könnte er ja noch ein wenig über ihr Farbkonzept nachdenken. Diese bernsteinfarbenen Augen waren schon wirklich sehr speziell und sehr hübsch. Ob man diese Farbe wohl entsprechend würde nachbilden können? Blau kam jedenfalls nicht in Frage. Dieses blöde Business-Kostüm hatte der neuen Mitarbeiterin überhaupt nicht gut gestanden. Außerdem würde blaues Permaskin seine Trägerin wie ein Kaugummi aussehen lassen – ein Leben lang.

 

2: Botschaft aus dem Jenseits

Zachery hatte wirklich alles getan, um Jen wieder aufzubauen, aber sie war im wahrsten Sinne des Wortes untröstlich gewesen, nachdem Midoris Vater die schreckliche Nachricht überbracht hatte. Die beiden Frauen waren durch weit mehr als bloße Freundschaft verbunden gewesen. Auch Zach litt unter dem Gedanken, dass Midori einfach nicht mehr da war. Wie schlimm musste das dann erst für Jennifer sein?! Sie hatte an diesem Tag viel Zeit im Bad verbracht. Zach wusste, dass es an den Tränen lag. Schließlich kam sie heraus – noch zarter und zerbrechlicher als sonst. „Fährst Du? Bitte!“

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„Fährst Du? Bitte!“

„Natürlich.“ Zach wusste, dass Jennifer vor allem seine bloße Anwesenheit brauchte. Sie wollte keinen größeren Körperkontakt – eine dezente Berührung hier und da war in Ordnung, aber nur, soweit Zach ihr dadurch symbolisierte: „Ich bin in Deiner Nähe“. Sie wollte keine Gespräche und schon gar nicht den Versuch von Trost.

Zach hatte Verständnis.

Jennifers Trauer um die beste Freundin, die eher eine kleine Schwester für sie gewesen war, konnte er nicht abmildern und er wollte es auch gar nicht. Sie musste diese Zeit irgendwie überstehen und er war für sie da.

Jennifer wusste, dass sie es ihrem Freund nicht leicht machte. Er verhielt sich großartig und sie fand nicht einmal einen Weg, ihm das zu sagen. Er ließ sie in Ruhe. Wenn die Tränen mal wieder fast ohne Vorwarnung aus ihren Augen schossen, war er da. Er redete nicht (und schon gar kein dummes Zeug wie Jennifers nahezu gesamter Bekanntenkreis). Er drängte nicht. Er beschwichtigte nicht. Er war einfach da.

Wenn Jennifer nicht mehr konnte und nachgab, war Zachs Schulter da und blieb standhaft, so dass Jen sich anlehnen konnte. Wenn sie allein sein wollte, hielt er Abstand, aber blieb in Bereitschaft.

Wären Trauer und Schmerz nicht so überwältigend gewesen, dann hätte Jennifer spüren können, dass sich Zach in diesen schweren Tagen als würdig erwies. Er legte das Fundament, um Verliebtheit in Liebe zu verwandeln. Liebe jedoch war für Jennifer weit entfernt. Die Trauer war zu nah.

Wie hatte das passieren können?

Ein Unfall, hatte Mr. Masters gesagt. Die genauen Umstände hatte er zunächst auch nicht erfahren und in den folgenden Tagen wollte (und konnte) Jennifer nicht mit ihm darüber sprechen. Dann wurde Midoris Leichnam überführt und der Beerdigungstermin angesetzt. Mit 24 glauben fast alle Menschen, sie würden ewig leben. Definitiv alle irren sich. Dementsprechend hatte Midori keinerlei Verfügungen getroffen. Niemand wusste, ob sie in Andenken an ihre Mutter eine shintoistische oder irgendeine andere Form von Beerdigungszeremonie wünschte. Bekannt war lediglich, dass Midori Religion idiotisch fand. Also gab es eine schlichte Zeremonie.

Zach musste Jen halten.

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Zach musste Jen halten.

Mr. Masters hatte Midoris Sarg von dem Beerdigungsinstitut, das die Zeremonie durchführte, in einen separaten, bis auf zwei weiße Rosenarrangements und ein Foto, das zeigen sollte, wie Midori sich selbst am liebsten gesehen hatte, schmucklosen Raum aufstellen lassen. So konnten Midoris Angehörige und Freunde nach und nach ungestört und ohne Zeugen Abschied nehmen.

Lediglich ein Institutsmitarbeiter hielt sich dezent im Hintergrund für den Fall, dass eine Notsituation eintreten würde.

Bei Jennifer wäre es fast so weit gekommen.

Natürlich hatte sie es nicht gewollt. Eigentlich hielt sie sich selbst für eine starke Frau und Gefühlsausbrüche passierten ihr eher selten. Als sie jedoch Midoris Foto sah und wusste, dass ihre beste Freundin in dem Sarg hinter dem Foto lag und tot war, nie wieder mit ihr spaßen, lachen, weinen oder lästern würde … dass sie einfach für immer fort war … brach Jen zusammen.

Zach hielt sie.

Er hielt sie und ließ sie weinen.

Er hielt sie, bis Jennifer ihre Fassung zumindest so weit zurückerlangte, dass sie in der Lage war, sich von dem Sarg zu lösen. Dann führte er sie an dem Institutsmitarbeiter vorbei aus dem Raum.

„Entschuldige“, war Jens erstes Wort, nachdem das unbezwingbare Schluchzen endlich aufgehört hatte.

„Unsinn! Wofür denn? Eher muss ich mich entschuldigen, dass ich so wenig gegen Deinen Schmerz tun kann.“

„Was Du tust, ist sehr schön, Zach. Du bist da. Ich weiß auch nicht … ich habe mich nicht verabschiedet. Das werde ich wohl an ihrem Grab machen. Ich kann mir das alles einfach nicht vorstellen. Das ist so … unwirklich.“ Die Tränen flossen erneut und Zach konnte nicht mehr tun, als ein Taschentuch bereitzustellen.

„Es ist allerdings unwirklich“, erklang eine tiefe Stimme von der Tür auf der anderen Raumseite, „und unnatürlich. Kinder sollten ihre Eltern überleben.“

Jennifer fand ihre Beherrschung wieder. Schließlich war sie „nur“ Midoris beste Freundin. Wie ungleich schlimmer musste sich der Vater fühlen! Jen wollte sich vor Mr. Masters nicht gehen lassen. „Es tut mir so l…“

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„Es tut mir so l…“

„Nein, nein!“ Mr. Masters winkte ab. „Wir sind alle sterblich. Es ist das Gefühl von Ungerechtigkeit, das uns so fassungslos macht. Sie war so jung. Zu jung! Es gab keine Vorzeichen, keine Krankheit und deshalb trifft es uns alle so … unvorbereitet.“

„Mr. Masters … ich … ich wüsste so gern, wie …?“

Midoris Vater schnaubte und um seine Mundwinkel erschien ein bitteres Lächeln. „Sie hatte ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch und sollte am Tag ihres … an diesem Tag … es war ihr zweiter Tag in diesem Emirat … die Verträge unterschreiben. Sie hatte wohl vorher noch etwas Zeit und da ging sie nach dem Frühstück zu diesem Sheik-Wasabi… wie auch immer … Tower. Sie war wohl in Hochstimmung.“

„Ja. Sie hat mir eine Mail geschickt. Das Vorstellungsgespräch muss super gelaufen sein. Das war aber an dem Tag des Gespräches. Was wollte sie denn am Folgetag bei diesem Tower?“

„Angeblich kann man von dort auf der einen Seite weit übers Meer und auf der anderen Seite über die ganze Stadt bis tief in die Wüste sehen. Das soll ein ziemlich beeindruckender Anblick sein. Normalerweise geht sie nicht gern auf irgendwelche Aussichtsplattformen, aber sie fühlte sich wohl wegen des Jobs schon irgendwie … in den Wolken.“

Midoris Vater wusste natürlich, dass seine Tochter Höhen mied. Das ganze Ausmaß dieser Phobie kannte jedoch nicht einmal er. Nur Jennifer wusste, welche Panik Midori befiel, wenn die einmal den Erdboden verließ. „Midori auf einem Hochhaus? Das kann ich mir nicht vorstellen!“

„Ein ‚besonderer‘ Anlass, nehme ich an. Glücksgefühl, Adrenalin … was auch immer. Der Tower ist noch eine Baustelle und das Geländer der Aussichtsplattform war wohl nicht richtig befestigt. Tja. Es gab im falschen Moment nach und …“ Dem Mann versagte die Stimme.

Jennifer war fassungslos. Konnte sie schon den Tod der Freundin kaum glauben, so kam ihr diese Geschichte einfach absurd vor. „Das passt nicht zu Midori. Sie hasst Höhen.“

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„Sie hasst Höhen.“

Mit erstickter Stimme meinte Mr. Masters. „Ja, das tut sie. Bis auf dieses eine Mal. Sie war dort. Die Polizei hat ihre Sonnenbrille neben der Absturzstelle gefunden. Das Labor hat sie eindeutig Midori zugeordnet. Bitte entschuldige, Jen …“ Midoris Vater wandte sich, vom Schmerz überwältigt, ab und ging zurück in ein anderes Zimmer.

„Jen, äh … ich weiß nicht, ob das der richtige Zeitpunkt ist. Du siehst doch, wie er leidet.“ Zach fühlte sich in seiner Haut zunehmend unwohl. Er kannte seine Freundin zwar noch nicht allzu lange, aber ihren Dickschädel hatte er schon bemerkt (meist mochte er ihn durchaus). Er wusste jedoch auch, dass sie sich in einer emotionalen Ausnahmesituation befand und hatte keine Erfahrungen, wie er in dieser Lage mit Jen umgehen sollte, wenn sie versuchen würde, Midoris Unfalltod nicht wahrhaben zu wollen.

„Natürlich sehe ich das, Zach. Ich habe Mr. Masters wirklich gern, aber hier stimmt etwas nicht.“

„Was denn? Dass Midori normalerweise Höhen meidet? Wenn ich das richtig verstanden habe, hatte sie gerade ihren absoluten Traumjob ergattert. Warum sollte sie da nicht einmal etwas für ihre Verhältnisse ganz Außergewöhnliches machen?“

„Wenn man mir anbieten würde … sagen wir mal … ich bekäme einen Job als Leibärztin des Präsidenten. Würde ich mich dann zu einem Dutzend Spinnen in ein Terrarium setzen?“

„Bestimmt nicht freiwillig. Du würdest durchdrehen, weil Du eine Arachnophobie hast.“

„Genau. Midori wäre auf diesem Tower durchgedreht. Niemals geht die freiwillig auf einen solchen …“

„Hey, hey! Weißt Du, was Du da sagst?! Bitte überlege das gut, ob Du dem netten Mr. Masters erzählen willst, dass Du nicht an einen Unfall glaubst! Meinst Du nicht, dass die örtlichen Behörden das geprüft haben? Wer sollte denn einen Grund haben, Midori zu ermorden?“

„Ich weiß es nicht. Ich … ich weiß nur, dass an dieser Geschichte etwas faul ist.“

Dieser Gedanke ließ Jennifer nicht mehr los. Er begleitete sie während der Beerdigung (und sorgte wohl dafür, dass ihr ein weiterer Zusammenbruch erspart blieb), hinderte sie stundenlang am Einschlafen, war beim Aufwachen präsent und blieb in den darauffolgenden Tagen in Jennifers Kopf. Er beschäftigte sie auch, als sie an einem Freitagmorgen wieder fit genug war, um ihre Post zu öffnen. Dabei sah sie den Umschlag.

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Dabei sah sie den Umschlag.

Zach, der in den schrecklichen Tagen nicht von Jens Seite wich, hatte seine Zahnbürste inzwischen in ihrem Bad deponiert. Während Jen Urlaub genommen hatte, musste Zach sich morgens auf den Weg zur Arbeit machen. Er blieb bei Jennifer, so lange er konnte. Danach hatte er es entsprechend eilig und so leerte er nur den Briefkasten und legte Jennifers Post in die Küche, ohne selbst einen Blick darauf zu werfen. Zach fand das außerdem angemessen diskret.

So war Jen ganz allein und unvorbereitet, als sie die arabischen Schriftzeichen auf dem Brief mit einem Hotel-Logo erblickte. Mit zitternden Händen öffnete sie den Umschlag und zog ein Blatt mit Midoris Handschrift heraus. Die Tränen, die aus Jennifers Augen schossen, hinderten sie lange daran, den Inhalt zu entziffern. Irgendwann zwang sie sich zum Lesen. Midori musste den Brief kurz nach ihrem Vorstellungsgespräch verfasst haben. Sie schrieb:

Hi, Jen!

Ich schreibe Dir nachher noch eine Mail, aber ich muss unbedingt auf unsere antike Art festhalten, was passiert ist: Ich bekomme den Job! Ist das nicht irre?!
Der Personalchef, Mister Uzami, ist ein ganz schön traditioneller, aber sehr freundlicher Japaner. Ich glaube, der mag mich. Ich war unglaublich nervös, aber nach ein paar Minuten lief das Gespräch eigentlich ganz gut. Zum Glück kann ich mit meinen „Landsleuten“ umgehen. Jen, Du weißt ja, was das für mich bedeutet. Ich kann aus dem Vollen schöpfen!
Wir müssen unbedingt noch darüber reden, wann Du mich hier oder auf der Klinikinsel besuchst. Die Bilder von dort sind traumhaft. Es ist das Paradies, aber ich suche immer noch nach einem Haken. Weißt Du, was blöd ist? Ich finde keinen! Hahaha!
Morgen ist der Termin zur Vertragsunterschrift. Es wird tatsächlich, wirklich, echt, wahrhaftig wahr!!! Schade, dass Du Spätdienst hast und ich Dich nicht anrufen kann. Wenn Du aus dem Dienst kommst, bin ich schon beim Unterschreiben und danach rufe ich Dich an und hole Dich aus dem Bett. Versprochen.
Ich bin sooooooo glücklich!
So. Jetzt gehe ich runter ins Hotelrestaurant. Die scheinen dort gutes Essen zu haben. Vorher organisiere ich mir noch ein Taxi für die morgige Fahrt in das Büro. Jetzt überlasse ich nichts mehr dem Zufall! Ich werde superpünktlich da sein. Aus dem Hotel mache ich keinen Schritt und bewege mich auch hier drin nur ganz vorsichtig, damit ich mir nicht noch den Knöchel verdrehe oder irgendwelche anderen Dummheiten mache. Am liebsten würde ich mich im Hotelzimmer einschließen und eine Wache vor die Tür stellen, damit nur ja nichts passieren kann, bis die Verträge unterschrieben sind. Danach fahre ich dann auf direktem Wege zurück ins Hotel, werfe die Webcam an und zeige Dir mein glücklichstes Smile! Okay?
Also, Schwesterherz – bis morgen!
Küsse und fetter Knutsch

Midori

Jennifer warf den Brief zurück auf die Küchenzeile. Sie ließ sich gegen die Wand fallen und zu Boden sinken, weil ihre Knie nachgaben.

An dieser Geschichte war nicht etwas faul. An dieser Geschichte war alles faul!

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An dieser Geschichte war alles faul!

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