Die Gestrandeten - Welt des Vergessens, Band 1 Die Gestrandeten  
 
Die Sammler

Der frühe Sommertag hätte schöner kaum sein können.

Längst waren auch die letzten Singvögel aus ihren Winterquartieren in Dawain zurückgekehrt und ihr Zirpen und Zwitschern erfüllte die Luft, die den Duft vom Tau benetzter Blätter verströmte.

An Tagen wie diesen war Liara sonst gutgelaunt zum Treffpunkt im Klingenwald geeilt. Mit einem Lächeln hatte Toran sie dort stets erwartet und die rennende Liara in seinen Armen, die zwar noch nicht die eines richtigen Mannes oder gar eines Kriegers, aber immerhin schon stark genug waren, um die zarte Freundin zu halten, aufgefangen.

An diesem schönen Tag jedoch rannte Liara nicht.
Toran fing sie nicht auf. Kein Lächeln zeigte sich in seinem Gesicht.
Liara wusste, was Toran dachte.
Er selbst hatte die Sammler gesehen und die Nachricht von ihrem Kommen ins Dorf gebracht.
Sie würden nicht vorbeiziehen.
Sie kamen wegen Liara. Es war nicht das erste Mal.

Immer, wenn im ganzen Mittelreich ein Mädchen geboren wurde, erhielt der für das Gebiet zuständige Vogt eine Nachricht, die er sogleich an den Rat der Sammler weiterzuleiten hatte. Wurde das Mädchen erstmalig zur Frau, so kamen die Sammler, um es zu begutachten. Befanden sie es für geeignet, so erhielten die Eltern des Mädchens eine stattliche Summe, die ihnen den späteren Verlust vergelten sollte. Je nach Entwicklungsgrad verhing dann der Sammleroberst eine bestimmte Reifezeit, nach deren Ablauf die Sammler wiederkehrten, um das Mädchen zu holen.

Liaras Reifezeit war abgelaufen.

Sie wusste, dass der bevorstehende Abschied endgültig sein würde. Noch nie war eines der gesammelten Mädchen zurückgekehrt – jedenfalls lautete so die Überlieferung, denn Liara war seit Menschengedenken das erste Mädchen im Dorf, auf das die Sammler ihr Interesse gerichtet hatten. Sie kannte keinen Ausweg.

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Sie kannte keinen Ausweg.

Toran zog sie an sich.

Liara schmiegte sich an seine Brust. Das seit frühen Kindertagen vertraute Gefühl von Torans Nähe half ihr dabei, die Tränen zu unterdrücken. Liara weinte selten – vor allem Toran gegenüber, weil sie aufgrund der wenigen Male, in denen sie es nicht hatte verhindern können, wusste, wie unangenehm ihm das war und wie wenig er damit umgehen konnte.

Niemals zuvor jedoch wäre es Liara angemessener erschienen, ganze Sturzbäche zu weinen. Immerhin tat Toran das Richtige: Er hielt sie in seinen Armen und gab ihr einen trügerischen Gedanken an etwas, das Liara nicht mehr kannte, seit die Sammler ihre Reifezeit bestimmt hatten: Sicherheit.

Nach einer Weile, in der sich Liara einfach nur an seine Brust schmiegte und Toran das angsterfüllte Zittern am ganzen Körper seiner liebsten Freundin spürte, konnte er sich nicht mehr zügeln. »Lass uns weglaufen, Liara! Ich bin schon ein ganz guter Jäger. Ich kann für uns sorgen.«

Liara löste sich aus seiner Umarmung. »Kennst Du nicht die Geschichten? Weißt Du nicht, was einer Erwählten passiert, wenn sie sich verweigert? Was sie mit ihrer Familie machen? Mit allen Menschen, die sie liebt?«

»Ach«, machte Toran eine wegwerfende Handbewegung, »die Sammler sind keine Ungeheuer. Das sind doch bloß Geschichten, mit denen man Mädchen wie Dir Angst machen will, damit Ihr Euch nicht verweigert. Ich habe die Sammler gesehen – heute und vor vier Jahren, als sie Dich begutachtet hatten. Die waren ganz freundlich.«

»Ach ja? Du warst nicht bei der ›Begutachtung‹ dabei.«
»Natürlich nicht! Und Du hast Dich geweigert, davon zu erzählen.«

Allerdings hatte sie das, denn nicht einmal ihre Eltern waren dabei geduldet worden und niemals würde Liara auch nur einem einzigen Menschen erzählen, was tatsächlich passiert war. Niemand sollte davon erfahren. Die Scham erschien unüberwindlich.

»Die Sammler sind nicht ›freundlich‹. Vielleicht stimmt es ja, was man sich erzählt und sie fressen die Mädchen. Ich will nicht in den Topf.«

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»Ich will nicht in den Topf.«

»Das ist Unsinn, Liara, und das weißt Du. Die Sammler holen sich nicht die schönsten Mädchen aus dem ganzen Königreich … und wohl auch aus den ander…«

»Schscht! Sprich das nicht aus! Das dürfen wir nicht.«

»Na gut. Also … egal, aus welchen Welten … wenn die Sammler Kannibalen wären, würden sie sich keine schönen Mädchen, sondern fette oder besonders … äh … appetitliche holen. Ich meine … appetitlich bist Du ja schon, aber … da gibt es bestimmt andere Mädchen, an denen mehr Bauch oder so dran ist … also … die besser zum Verzehr geeignet sind.«

Unter anderen Umständen hätte dieser unbeholfene Versuch, Liara zu beruhigen und ihr ganz nebenbei auch noch ein Kompliment zu geben, ein schüchternes Kichern zur Folge gehabt, aber an diesem Tag gab es für die Tochter des Dorfschmiedes, der vor vier Jahren plötzlich zu einem kleinen Vermögen gekommen war und sich eine eigene Schmiede hatte leisten können, keinen Anlass für irgendeine Belustigung. »Mag ja sein, dass die mich nicht fressen, aber ganz sicher werde ich nicht zurückkehren. Nie. Daran besteht kein Zweifel und der Sammleroberst hat es meinen Eltern auch klipp und klar bestätigt.«

»Hm. Das Geld haben sie bestimmt gern genommen.«

»Was hätten sie denn tun sollen? Wenn ein Mädchen erwählt wird, kommen die Sammler und nehmen es mit. So ist es schon immer gewesen. Hätte mein Vater sagen, ›ach, nein, behaltet Euer Geld! Ich will es nicht‹, und weiterhin einer der ärmsten Männer im Dorf bleiben sollen? Mich hätte er trotzdem den Sammlern übergeben müssen.«

»Du hättest fliehen können. Jetzt muss Dein Vater das ganze Geld zurückzahlen, wenn Du verschwindest, aber das ist seine Entscheidung. Das ist sein Problem. Nicht Deins. Lass nicht zu, dass man Dich von den Menschen wegreißt, die Du liebst … und die Dich lieben.«

Liara verstand, den Tonfall zu deuten. Sie waren keine Kinder mehr. Längst hatten sich Torans Verhalten, seine Blicke und die Art, wie er die Freundin der gemeinsamen Kindheit berührte, verändert. Sein Begehren jedoch überstieg nie die große Fürsorge, die er für Liara bereithielt. Die ließ sich nun wieder gegen Torans Brust sinken.

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Die ließ sich nun wieder gegen Torans Brust sinken.

Kein Zweifel: Toran war scheinbar fast über Nacht ein Mann geworden … und Liara eine Frau, deren Schönheit weit über die Grenzen der Vogtei hinaus gerühmt wurde; eine Schönheit, die ihr nun zum Verhängnis werden sollte.

»Wenn ich tatsächlich fliehen würde, dann könnte ich meine Eltern auch nie wiedersehen«, meinte Liara nach einer Weile mit leiser Stimme.

»Das stimmt wohl, fürchte ich, aber ich könnte wenigstens bei Dir sein… für immer, wenn Du magst.«

»Dein Vater wäre verzweifelt. Er hat Dir so viel über die Jagd gezeigt und es sind nur noch zwei Wochen bis zum Fest Deiner Mannbarkeit. Dann kannst Du hingehen, wohin Du willst, aber Dein Vater rechnet fest damit, dass Du ihm künftig bei der Arbeit hilfst. Er ist nicht mehr sehr gesund. Wie soll er ohne Dich leben?«

Nun konnte Liara spüren, wie Torans Brust unter ihrer Wange zu erbeben begann. Sein Schlucken, mit dem er den Kloß in seinem Hals beseitigen wollte, schien in Liaras Einbildung über die gesamte Lichtung zu hallen – so laut kam es ihr vor. Dann meinte Toran mit einer leisen Stimme, die Liara noch nie derart ernst vernommen hatte: »Mein Vater ist ein ausgezeichneter Fallensteller. Er muss nicht hinter Hirschen oder Wildschweinen herrennen, um seine eigene Nahrung und die, die er verkaufen kann, zu finden. Er kann ohne mich leben. Das ist nicht die Frage. Die Frage ist, ob ich ohne Dich leben kann.«

Was nie gesagt worden und doch längst klar war – nun war es heraus. Liara hatte es längst gewusst, doch jetzt hatte sie es gehört und alles wurde dadurch anders. Ihre Ängste und die Sorge um die Eltern jedoch blieben. »Ich muss mit Vater und Mutter reden. Wir können nicht einfach verschwinden.«

»Die Sammler sind im Gasthaus an der Furt. Dort habe ich sie jedenfalls zuletzt gesehen. Wenn sie früh aufgebrochen sind, dann werden sie in einer … höchstens in zwei Stunden im Dorf sein. Wir haben nicht viel Zeit und wir können nicht ohne Vorräte aufbrechen.«

»Dann kümmere Du Dich um die Vorräte! Ich rede mit meinen Eltern. Wir treffen uns in einer halben Stunde an der Straße nach Leibwangen.« Liara küsste den überraschten Toran eilig. Dann rannte sie ins Dorf.

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Dann rannte sie ins Dorf.

Am Dorfbüttel Joken vorbei, der vor die Türe des Torhauses getreten war und die schöne Tochter des Schmieds schon lange nicht mehr so schnell hatte rennen sehen, lief Liara über den Dorfplatz zur neuen Schmiede, welche ihr Vater von der Ablöse der Sammler errichtet hatte. Der kräftige Schmied Larsen hatte gerade weder Huf noch Schwert auf seinem Amboss und gönnte sich eine seltene Pause.

Er sah seine Tochter schon von weitem über den Dorfplatz rennen. Als sie schließlich nach Luft ringend vor ihm stand, dachte er daran, dass er sie schon bald nie wiedersehen würde. Seine Frau saß schon den ganzen Tag weinend in der Küche. Larsen konnte nur hoffen, dass sie ihm gehorchen würde und sich zusammenriss, wenn die Sammler kamen, um Liara abzuholen. Der Schmied wollte es seiner Tochter nicht unnötig schwer machen und ihr eine Szene der Mutter ersparen.

»Kind, Du sollst nicht so rennen. Du bist kein kleines Mädchen mehr. Die Leute starren.«

»Die … puh! … starren … uff! … nicht, weil gar keine Leute da sind. Die bewässern nämlich gerade die Felder. Nur der Joken ist natürlich im Torhaus, aber der glotzt auch, wenn ich ganz züchtig an ihm vorbeischreite, wie es sich für eine junge Dame geziemt.«

Larsen hatte den Sarkasmus schon verstanden, aber er wollte nicht an diesem letzten Tag mit seiner Tochter streiten. Ihm war nicht wohl. Liaras ältere Brüder arbeiteten schon seit über einem Jahr als Zimmerleute in der Vogtei von Leibwangen und schon bald wäre er mit seiner Frau ganz allein. Das hatte er sich nicht träumen lassen, als Liara geboren wurde. Er hätte sich lieber einen dritten Sohn gewünscht, aber die Hoffnung, dass aus Liara nicht nur ein wertloses Mädchen, sondern eine Erwählte werden könnte, wuchs von Jahr zu Jahr, denn die anfangs schwächliche Kleine mit ihrer blassen Haut wurde immer hübscher. Die Sammler hatten eine schier unglaubliche Summe gezahlt, um Liara von den Eltern abzulösen. Das hätte Larsen nicht erwartet, dass ausgerechnet ein Mädchen ihm ein so ordentliches Leben bescheren würde.

Nachgiebig wie selten sah er sie an, als Liara sagte: »Ich werde gehen. Für immer.«

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»Für immer.«

»Ich weiß, meine Kleine, ich weiß. Die Sammler sagen, dass es Dir gut gehen und an nichts mangeln wird. Du wirst ein besseres Leben haben, als wir es Dir jemals ermöglichen könnten. Wir sind arm. So ist nun einmal die Ordnung der Dinge, wie die Götter sie wollen.«

»Ich gehe nicht mit den Sammlern, Vater. Ich gehe mit Toran. Ich will selbst entscheiden, wie mein Leben in Zukunft aussehen soll.«

Einen Moment lang stand Larsen einfach nur regungslos da. Dann sagte er so laut, dass es über den ganzen Dorfplatz hallte: »Was?! Was fällt Dir ein?! Das ist nicht Deine Bestimmung. Du bist ein Mädchen … ein Weib. Vergiss das nicht! Es steht Dir nicht zu, den Willen der Götter zu missachten. Es geziemt sich nicht für ein Weib, aufzu-begehren. Es ist Unrecht, wenn eine Tochter ihrem Vater nicht gehorcht.«

Tapfer kämpfte Liara gegen ihre aufsteigenden Tränen. Mit einer solchen Reaktion hatte sie gerechnet. Obwohl es ihr so weh tat, dass sie glaubte, ihr Herz würde bersten, war sie doch innerlich vorbereitet und blieb relativ gefasst. »Ich weiß, dass Du mit Deiner neuen Schmiede glücklich bist. Ich weiß auch, dass Du mit dem Geld bauen konntest, das die Sammler Dir für mich gegeben haben. Du hast mich verkauft. Du hast Deine eigene Tochter verkauft. Das kann nicht der Wille der Götter sein und wenn er es doch ist, dann können mir diese Götter gestohlen bleiben. Götter, die eine solche ›Ordnung‹ wollen, sind keine Götter, sondern Abschaum. Ich bin nur ein Weib. Ich weiß. Ich habe Dir immer gehorcht, wie es eine gute Tochter eben tut, aber damit ist jetzt Schluss. Sie werden Dir die Schmiede schon nicht nehmen und wenn doch, dann musst Du eben besonders hart arbeiten, um Dir eine neue Schmiede zu kaufen.« Liara bekam kaum noch Luft. All diese Sätze hatte sie sich während ihres Laufes ins Dorf überlegt. Sie hatte alles gegeben, ihre Angst überwunden und ihren ganzen Mut zusammengenommen. Sie wusste, dass sie nunmehr wehrlos war. Ihre Munition war verbraucht. In Erwartung weiterer schlimmer Worte sah sie den Vater an.

Doch Larsen schwieg. Er ahnte, welchen Fehler er bei der Erziehung gemacht hatte. Jetzt erhielt er die Quittung.

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Jetzt erhielt er die Quittung.

Liara, die sein Zögern bemerkte, nutzte die Gelegenheit, um an seiner massigen Statur vorbei zum Wohnhaus zu eilen.

»Ich verabschiede mich von Mutter«, rief sie dem Vater noch zu.

Der schnaubte nur verächtlich und ging mit schnellen Schritten in die andere Richtung davon. Warum nur hatte er sich breitschlagen lassen? Warum hatte er vor Jahren dem absurden Drängen seines Weibes nachgegeben und seiner hübschen Tochter erlaubt, sich mithilfe einer Fibel aus dem Nachlass des Großvaters, der einige Zeit in den Diensten der Vögte gestanden und dabei ein wenig Wissen erworben hatte, selbst das Lesen beizubringen? Larsen fluchte murmelnd vor sich hin: »Verfluchte Bücher! Verfluchtes, sündiges, aufrührerisches Wissen!. Das ist nichts für Weiber. Das macht sie zickig, aufrührerisch und ketzerisch. Wissen ist etwas für die Herrschenden. Die verstehen, damit umzugehen.«Warum hatte er der kleinen Liara nicht verboten, auf dem Dachboden in Großvaters alter Kiste zu stöbern? Da lagen diese schrecklichen Bücher, die nicht einmal der Großvater hatte verstehen können und Liara hatte sie alle gelesen. Das musste sie derart verwirrt haben, dass sie nun ganz plötzlich die große Ehre der Sammlung überhaupt nicht mehr zu schätzen wusste. Was dachte sie sich dabei nur? Wusste sie nicht, wie wenig ein Weib in der Ordnung der Götter galt, sofern ihm nicht die seltene Gnade der Sammlung zuteil wurde? Wollte sie es nicht mehr wissen?

Oder lag es womöglich nicht nur an den Büchern? Kein Zweifel – die Reifezeit war kundig bemessen. Liara war erblüht und mit dem Erblühen kamen die sündigen Gedanken. Mit den sündigen Gedanken kam die Veränderung. Aus Spielgefährten wurden Verehrer und diesen Jägerssohn sollte man besser aus dem Dorfe jagen. Larsen würde das Thema sogleich ansprechen, denn er war am Ziel seines kurzen Weges angelangt.

In Begleitung kehrte er wenig später zu seinem Haus zurück. Der Oberst hatte großes Verständnis gezeigt und so erwarteten sie gemeinsam die plötzlich Widerspenstige. Der Oberst legte sogar noch zwei Silberlinge zu, denn durch Larsens Umsicht wurde eine mühsame Jagd vermieden. Er war schließlich Sammler und kein Jäger.

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Er war schließlich Sammler und kein Jäger.

Nachdem Liara den schmerzlichen Abschied von der Mutter genommen und sich für die weite Reise mit einem unbestimmten Ziel umgezogen hatte, trat sie vor die Haustüre. Sie wusste es sofort: Weiter würde sie nicht kommen.

Eine bewaffnete Wache (sie musste zu den Sammlern gehören, denn der Büttel Joken hatte schon seit Jahren keine Waffe mehr getragen und war auch von nicht annähernd so imposanter Statur) versperrte das Haupttor. Ein weiterer Bewaffneter stand am Ausgang des Dorfes, der zu den Feldern und zum Klingenwald führte. Unmittelbar vor Liara hatte sich ihr zorniger Vater aufgebaut. An dessen Seite stand ein nicht weniger kräftiger Mann mit Helm und Rüstung, der ein Breitschwert an seinem Gürtel trug, welches den Eindruck erweckte, schon häufig benutzt worden zu sein. Noch furchterregender als das Schwert fand Liara jedoch den eisernen Gegenstand, den der Sammleroberst in seiner rechten Hand trug. Die schlaufenförmigen Enden konnten nur für Hand- oder Fußgelenke bestimmt sein. Zu dieser Fessel passte der Pferdewagen neben den Männern, auf dem sich ein massiver, eiserner Käfig befand.

Der Käfig war leer.
Noch.

Liara wusste jetzt, dass sie nicht an Torans Seite, sondern in diesem Käfig und in Eisen gelegt ihre Reise ohne Wiederkehr antreten würde. Es gab kein Entrinnen.

»An nichts mangeln«, hatte der Vater gesagt.

Welch ein Hohn! Wie sollte ein Leben aussehen, in das man Liara als Gefangene brachte?

»Besser«?
Wohl kaum!


Der Fund

»Dieses Püppchen treibt mich früher oder später noch in den Wahnsinn. Willst Du nicht mit mir Zimmer tauschen?«

Madeleine Turner schüttelte lächelnd ihren Kopf. »Du hast gesagt, es würde Dir nichts ausmachen. Da musst Du jetzt durch.« Sie konzentrierte sich wieder auf die Grabung und das letzte Stück des Sarkophag-Bodens. Es waren nur noch ungefähr zehn Quadratzentimeter.

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Es waren nur noch ungefähr zehn Quadratzentimeter.

Sandy war auch diesmal keine allzu große Hilfe gewesen, aber dafür waren die Grabungen mit ihr immer recht unterhaltsam. Sandy Wagner hatte Humor und eine spitze Zunge. Immerhin konnte sie durchaus zupacken, wenn es um neue Stätten ging, aber hier waren nur noch Restarbeiten zu erledigen, damit garantiert nichts übersehen wurde. Die Sensationen lagen längst im Labor. Für die Drittsemester blieb nur noch Dreck und Staub übrig, aber nicht einmal davon gab es noch sonderlich viel in diesem Winkel der alten Anlage, die schon von mehreren Jahrgängen verschiedener Universitäten aus ihrem rätselhaften Versteck fast drei Meter unter der Grasnarbe ans Tageslicht gebracht worden war. Bis vor wenigen Tagen hatte die gesamte Fachwelt geglaubt, Stonehenge wäre etwas Besonderes und die kleine Grabanlage in nur vier Kilometer Entfernung verdiene keine nennenswerte Beachtung. Es war ja nur irgendein Grab aus dem Mittelalter, das man vor ein paar hundert Jahren aus unbekannten Gründen mit Abraum bedeckt hatte.

So wurde es gemeinhin vermutet.
Bisher.

»Die nervt!« Sandy hatte gerade erst angefangen, ihrem Ärger über Mary Seymour Luft zu machen. »Du ahnst ja nicht, was ich mit der mitmache! ›Heul! Mein Nagel ist abgebrochen. Meine Haare sind total staubig. Ich bin mit meinem Lipgloss an einem Skarabäus hängengeblieben‹. Jeden Abend vor dem Schlafengehen labert die mich mit ihrem Scheiß voll. Die Alte ist echt der Fluch des Pharao – das kannst Du glauben. Manchmal möchte ich die am liebsten in das Becken mit den Rückständen vom Ausschlämmen werfen. Mit Schwung!«

Madeleine musste lachen. „Nur gut, dass es hier nie Pharaonen gegeben hat. Was würde die denn erst in der Wüste machen?«

»Sich selbst an irgendeinen Scheich verkaufen, nehme ich an. Hast Du gesehen, wie die den Norton anmacht?«

»Nein. Ich dachte, die ist mit Chase zusammen. Will die etwa ihren Quarterback gegen diesen arroganten Kerl eintauschen? ›Genie‹ hin, Genie her - ich finde den ganz schön unangenehm. Das bleibt aber unter uns!«

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»Das bleibt aber unter uns!«

Professor Dr. Dr. Dr. Jeremy Norton war nicht nur eine Koryphäe sowohl in Medizin als auch in Anthropologie – er war bei den Studenten und vor allem den Studentinnen zumeist höchst unbeliebt. Madeleine war ihm nur zweimal kurz begegnet, weil der Ausgrabungsleiter, Professor Landauer, wohl irgendwie mit Norton befreundet war und aufgrund der Besonderheiten des jüngsten Fundes interdisziplinären Rat einholen wollte, aber sie fand den Mann mit dem genialen Ruf spontan unsympathisch.

»Ich mag ihn auch nicht«, stimmte Sandy zu. »Ich glaube, der hasst Studentinnen. Das ist einer von der Sorte, der seine Zeit nicht mit uns verschwenden will, weil wir ja sowieso irgendwann heiraten und Kinder bekommen und dann kein Bedürfnis mehr nach wissenschaftlicher Arbeit haben. Weißt Du was? Ich glaube, auf Mary könnte das sogar zutreffen, aber wohl nicht mit Chase. Der ist ganz schön geknickt, weil Mary Schluss gemacht hat.«

Madeleine verkniff sich ein Grinsen. Sandy war zwar eine gute Freundin und Madeleine würde sie jederzeit überall in Schutz nehmen, aber weder war Sandy ein Kind von Traurigkeit, noch würde sie selbst ohne Kajal und gut sitzende Haare zu einer Grabung aufbrechen, noch war sie grundsätzlich abgeneigt, den einen oder anderen Kerl als Trophäe zu betrachten, wie es die vielgescholtene Mary lediglich sehr offensichtlich tat. Chase hingegen hatte es in Madeleines Augen nicht besser verdient. Dieser etwas einfältige, stiernackige Kerl, der von seinen Eltern regelrecht zum Studium getrieben (oder mit großen Summen geködert) worden war, hatte sich durch Marys hübsche Fassade in die Falle locken lassen. Männer! Das kommt davon, wenn man(n) Indiana Jones spielen will und dann dem erstbesten aufgetakelten Blondchen verfällt. »Das mit Norton ist doch nicht etwa was Ernstes?«

»Keine Ahnung. Ich glaube kaum.« Sandy schnaubte verächtlich. »Für den ist Mary bestimmt nur Frischfleisch und die wird ihm bestimmt den Kopf abschlagen, ausstopfen und ihn sich übers Bett hängen – neben Chase und ihre anderen Opfer. Allerdings könnte es diesmal auch andersherum laufen. Ich glaube, dieser ›geniale‹ Norton hasst Frauen. Der wird schnell genug von ihr haben. Naja … verdient hätte sie es.«

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»Verdient hätte sie es.«

Nicht einmal Mary hat einen Frauenhasser verdient. Ich frage mich nur, warum unser süßer Professor Landauer mit einem solchen Arsch befreundet ist. Verstehe eine die Männer!

Sandy stand auf, denn Madeleine hatte das letzte kleine Stückchen des Sarkophag-Bodens freigepinselt. »Ich frage mich nur, wie Mary das geschafft hat. Norton ist gerade mal seit drei Tagen hier und schon hat die ihm ihre Dinger unter die Nase gehalten. Tja. Da hat der wohl zugegriffen – im wahrsten Sinne des Wortes. So weit geht der Frauenhass dann wohl doch nicht.«

Madeleine packte ihr Grabungsbesteck in die bereit-liegenden Behälter und verstaute diese dann im Fundkorb, der erwartungsgemäß leer geblieben war. Lautlos seufzte sie, als sie daran dachte, wie viele Archäologen sich nach dem Fund ihres Lebens sehnen und doch nie diese Erfüllung erleben werden. Ob es ihr wohl auch so ergehen würde? Immerhin gehörte sie wenigstens zum Team, das diese besondere Entdeckung gemacht hatte. Womöglich würde sie ihren Namen ja doch in dem einen oder anderen Fachartikel wiederfinden … oder sogar an anderer Stelle, wenn sich die Sensation tatsächlich bestätigen würde. »Wenn es um ›Frischfleisch‹, wie Du sagst, geht, dann sind sie alle gleich. Da können sie sich uns ansonsten hinter den Herd oder an den Wickeltisch wünschen – dafür sind wir ihnen immer gut genug.«

»Tja. Die rechnen aber nicht damit, dass wir das wissen und ausnutzen können, hihi.«

Kichernd trugen die beiden Studentinnen den Korb aus der alten Grabkammer. Insgeheim hatte Madeleine Zweifel, ob sie die Sache mit dem »Ausnutzen« jemals würde beherrschen können … und ob sie es überhaupt wollte. Dann wechselten ihre Gedanken zu Greg, dem Techniker, dem sie noch mitteilen musste, dass er die Nachtausrüstung abmontieren konnte. Das Grab war jetzt schließlich fertig. Greg hatte immer einen witzigen und charmanten Spruch auf den Lippen. Nach einem harten Tag in der Hocke tat das stets gut. Greg war einfach ein netter Kerl.

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Greg war einfach ein netter Kerl.

Nachdem die Werkzeuge ins Camp gebracht und gesäubert worden waren (wobei Sandy sich erneut nicht gerade vor Arbeitseifer überschlug), begaben sie sich an eines der wichtigsten an den kleinen Generator angeschlossenen Arbeitsgeräte – die Kühlbox. Mit zwei kalten Softdrinks in der Hand streiften sie ihre Schuhe von den Füßen. Madeleine war vor allem froh, an einem solchen Sommertag ihre Socken loszuwerden, aber sie fand festes Schuhwerk bei der Arbeit wichtig und das hätte ohne Socken zu Blasen geführt. Auch Sandy wusste, dass Sneaker bei manchen Grabungen aus Gründen des Arbeitsschutzes ungeeignet waren, aber ihre Eitelkeit war stärker. Außerdem schienen die schweren Steine, aus denen diese Grabanlage errichtet worden war, doch recht sorgfältig miteinander verankert zu sein.

Die Frauen machten es sich beim Lagerzelt auf ein paar Kisten bequem. Ihre heutige Arbeit war zwar langweilig gewesen, doch einerseits wussten sie, dass derartige Phasen einfach zu dem Beruf, den sie studierten, dazugehörten und andererseits konnten sie sich schon ihre Drinks gönnen, während die Kommilitoninnen und Kommilitonen noch in den Gräbern hockten und gruben und pinselten und wuschen und schwitzten. Da hatten sie es doch eigentlich ganz gut getroffen.

Auch Greg hatte es ganz gut getroffen.

Seine schwierigen Phasen fanden vor allem beim Auf- und Abbau der Ausgrabungsstätten statt oder im Falle irgendwelcher Störungen. Verliefen die Grabungen ohne besondere Vorkommnisse und wurde auch kein schweres Gerät gebraucht, was ja aus Gründen der Sorgfalt sowieso tunlichst vermieden wurde, dann hatte er relativ ruhige Tage und Nächte. Greg wusste, dass die Studenten ihn, der er ja »nur« ein Techniker war, nicht wirklich ernst nahmen … bis er ihnen geschickt aus der Patsche half, wenn sie mit ihren unpraktischen Akademikerhirnen mal wieder hilflos vor einem Problem standen. Greg wusste auch, dass die hübsche Maddy kaum mehr als einen Kumpel in ihm sah, aber er war dennoch gern in ihrer Nähe.

Entsprechend erfreut eilte er zum Lager, als er sie dort auf einer der Kisten sitzen sah. »Hi, Girls. Schon fertig?«

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»Hi, Girls. Schon fertig?«

»Hi, Greg. Grab 4 ist sauber. Ein paar Tapeten an die Wände und die nächsten Mieter können einziehen.« Madeleine lächelte dem Techniker zu. Schade, dachte sie, dass der nette, witzige Kerl nicht etwas … imposanter aussah. Schade, dass er trotz seiner häufigen Aufenthalte an der frischen Luft so kränklich blass wirkte.

»Na, das ist gut. Wir werden die Mieten nämlich ganz schön erhöhen können. Schließlich ist das hier ein Wendepunkt für die Menschheitsgeschichte.«

„Mann, Greg! Du klingst wie Norton.« Sandy schüttelte so heftig den Kopf, dass ihr Pferdeschwanz fast außer Fassung geraten wäre. »Geht’s vielleicht auch `ne Nummer kleiner?"

Greg grinste. Madeleine sprang von der Kiste. Der Techniker schien etwas zu wissen. »Gib es zu! Du hast die Dozenten belauscht. Und?«

»Wie … ›und‹? Ich bin nur ein Techniker, der dafür sorgt, dass Ihr tollen Wissenschaftler Eure noch tolleren Forschungen machen könnt. Was soll ich schon wissen?«

Madeleine seufzte. »Also gut. Du bist der Größte, Greg. Ohne Dich wären wir hier alle total aufgeschmissen. Recht so?«

Sandy war nicht weniger neugierig und versuchte, die Freundin zu unterstützen: »Ohne Dich hätten wir nicht einmal kalte Getränke und würden jämmerlich verdursten. Die Haare könnte ich mir auch nicht fönen und das wäre fast noch schlimmer.«

»Okay. Ihr müsst nicht gleich übertreiben.« Greg hatte sichtlich Spaß. »Wenn andererseits natürlich mal die Dusche ausfällt und Ihr mich dann holen müsst, dann könntet Ihr ja mal die Handtücher verges…«

»Nö«, unterbrach ihn Madeleine. Du hast Deine Chance gehabt. Wir waren sehr ehrerbietig, aber jetzt wollen wir gar nichts mehr wissen. Wie steht’s, Sandy? Gehen wir uns umziehen?«

»Okay, okay! Man kann’s ja mal versuchen. Also gut. Euer Professor Landauer ist kurz vorm Durchdrehen. Diese Radio… die Radio…«

»Die Radio-Carbon-Datierung«, half Madeleine

»Genau. Euer Zeug ist wohl älter als die Menschheit.«.

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»Euer Zeug ist wohl älter als die Menschheit.«

Mit »Euer Zeug« meinte Greg den Fund aus Grab 4. Jetzt konnte auch Sandy nicht mehr still auf der Kiste sitzen. »Mal der Reihe nach, Greg! Du hast mitbekommen, dass die Ergebnisse der Datierung da sind?«

»Genau.«

Die beiden Frauen sahen sich an. Die Gemme, die in Grab 4 gefunden worden war, schien schon Sensation genug zu sein. Dem Anschein nach und auch auf der Basis einer Inaugenscheinnahme durch Professor Higgins, einem Historiker, der auf die Geschichte des 13. Jahrhunderts spezialisiert und ebenfalls von Professor Landauer hinzugezogen worden war, stammte sie aus genau jener Zeit. Die Sensation und der Grund für die Beteiligung von Higgins war jedoch die auf der Gemme angebrachte Darstellung eines Segelschiffes … aus dem 18. Jahrhundert. Hatte sich ein Visionär vom Schlage eines DaVinci in dem Schmuckstück verewigt? Das war der Grund gewesen, warum erst Higgins konsultiert und das Stück dann schnellstmöglich ins Labor nach London geschickt worden war.

Greg musste sich verhört haben. Es konnte kein Schmuck existieren, der älter war als die Menschheit. Vor allem aber konnte das zweite Fundstück nicht älter als die Menschheit sein. Dieses Stück war der Grund für die Anwesenheit des arroganten Professor Norton: Der Schädel eines Homo Sapiens mit einer darin steckenden Speerspitze aus dem 13. Jahrhundert … und einer Brücke zwischen zwei Zähnen im Oberkiefer, die eindeutig aus der Praxis eines guten, modernen Zahnmediziners stammte.

Die größte Überraschung sollte jedoch erst noch folgen.

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